Disc Golf: Die Sportart wird auch in der Schweiz immer beliebter

2023-02-22 16:49:03 By : Mr. leo LIU

Plötzlich sieht man sie überall, diese seltsamen Konstrukte aus Metall, mitten auf den Wiesen, unter Bäumen, am Hang. Futtertröge für Wildtiere? Sind es Veloständer? Oder Anbindungsvorrichtungen für Hunde? Mit dem Metallkorb, der auf halber Höhe einer 1,20 Meter hohen Stange sitzt, sollen sie auch schon als Rost für Würste gebraucht – eher: missbraucht – worden sein.

Dabei sind die Körbe das, was im Golfsport das Loch mit Fahne ist. Nur haben diese Holes (auch Baskets genannt) einen Durchmesser eines Pizzablechs, und versenkt werden darin keine Bälle, sondern Frisbees. Diese Mischung aus Golf und Frisbee nennt sich Disc-Golf und ist eine aus den USA stammende Sportart, die immer mehr an Zuwachs gewinnt, auch in der Schweiz.

Was dieser Wurfsport mit der traditionellen Variante zu tun hat, ist im Grunde nur das Konzept, nach dem gespielt wird: Alleine oder in einer Gruppe durchläuft man einen Parcours mit meist neun oder 18 Bahnen mit unterschiedlichen Längen und Schwierigkeitsgraden. Von der Abwurfstelle aus wirft man einen Frisbee Richtung Korb. Wo immer die Scheibe landet, wird der nächste Wurf gespielt. Mit dem Ziel, die Frisbee-Scheiben mit möglichst wenigen Würfen im Metallnetz zu versenken.

Unterwegs dabei ist nicht der Designer-Schläger-Trolley, sondern eine funktionale Sporttasche, voll mit bunten Frisbees. Profis tragen ein, zwei Dutzend Scheiben mit sich, alle mit unterschiedlichen Eigenschaften: Driver etwa eignen sich für weite Distanzwürfe, Putter sind grösser und langsamer und haben eine berechenbarere Flugkurve, andere haben einen kleineren Rechtsdrall. Die Scheiben sind kleiner, härter, flacher und an den Rändern stärker abgeschrägt als herkömmliche Frisbees.

Ed Headrick, Marketingleiter bei Wham-O und Designer des Frisbees, wie wir es heute kennen, gilt als Begründer des formellen Disc-Golf. Dieser kreierte diverse Spieldisziplinen, um die Scheibe aufzuwerten. 1978 liess er den ersten Zielkorb mit Fangketten patentieren und eröffnete den ersten Parcours in Kalifornien. Mit der Zeit wurden der Öffentlichkeit immer mehr Disc-Golf-Körbe zur Verfügung gestellt, zuerst in den USA, später vor allem in Schweden und Japan. 

Beim Disc-Golf kommt es auf die Technik an, auf Präzision, nicht die Kraft. Der Sport ist kompetitiv, aber nicht so kompetitiv, dass man andere wegen Fehlern anmacht. Bei den meisten geht es eh nicht um den Wettkampf, sondern darum, in der Natur zu sein, sich zu bewegen. Disc-Golf ist ein Sport für jede Generation. Es gibt keine Carts oder Caddies mit mehr Pferdestärken als auf dem mit perfekt gemähten Rasen bezogenen und nur für Polo-Shirt und Loafer tragende Klubmitglieder zugänglichen Gelände erlaubt wären.

Im Gegenteil: Man läuft zum nächsten Wurf, bis zu vier Kilometer pro Spiel. Greenfees gibt es kaum, die meisten schweizerischen Disc-Golf-Parcours sind in öffentlichen Schul-, Sport- und Parkanlagen installiert und frei zugänglich. Was man dabei anhat, ist egal. Hauptsache, bequem.

Anders hingegen in Amerika, wo die Sportart bereits seit den 2000er Jahren populärer ist: Hier will der Disc-Golf-Verband (Professional Disc Golf Association, kurz PDGA) dem Image des kleinen rebellischen Golf-Cousins mit strengeren Regeln entgegenwirken. Profis ist das Tragen von T-shirts verboten, adäquat scheint dem Verband ein Hemd mit Kragen und Ärmeln. Frauen dürfen ärmellose Hemden tragen, der Kragen darf aber auch da nicht fehlen. Ansonsten kann sie die Frisbees auch im einteiligen, «well-tailored» Tenniskleid werfen. Empfohlen wird diese Kleiderordnung auch bei niedrigen Stufen.

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Fluchen ist verboten, Rufen darf nur, wer warnen muss, und allgemein wird eine Art von Ernsthaftigkeit gefordert, die man eher vom traditionellen Golf kennt. Selbst im Profi-Bereich wird hier aber noch nicht um ein Jahresgehalt von 20 Millionen Franken geworfen, nicht einmal um 10 000. Die meisten der international spielenden Athletinnen und Athleten gehen einem normalen nine-to-five Beruf nach.

Auch hierzulande wird Disc-Golf immer beliebter. Der Schweizer Disc-Golf-Verband wurde 1986 gegründet, die erste Schweizer Meisterschaft im Jahr 1999 abgehalten. An der Europameisterschaft ist die Schweiz ebenfalls vertreten. Während vor zehn Jahren rund sieben permanente Turnieranlagen und zehn Hobbyanlagen gezählt wurden, hätten sich beide Zahlen bis 2020 mehr als verdoppelt, gibt Mark Chardonnens, Präsident der Swiss Disc Golf Association, an. Treiber war, wie bei so vielem, die Pandemie. Man spielte draussen und konnte Distanz halten. Der Schweizer Disc-Golf-Verband verzeichnet heute fast dreimal so viele Lizenzierte wie noch vor der Pandemie. Den Anstieg der statistisch nicht erhobenen Hobbyspieler schätzt der Verband sogar noch höher ein.

«Disc-Golf an sich ist ein rasch erlernbarer Sport, welcher mit überschaubarem Aufwand betrieben werden kann», erklärt sich Chardonnens unter anderem den Erfolg. Optimal also auch für Familien, die es während der Pandemie nicht mehr unter einer Decke ausgehalten haben. Unabhängig davon sei Disc-Golf viel günstiger als traditionelles Golf: Ein Starter-Set von drei Discs ist bereits für 40 Franken zu haben. Diese sind auch in Schweizer Sportgeschäften oder Online-Shops erhältlich, die mittlerweile über ein breites Sortiment an verschiedenen Herstellern und Modellen verfügen.

Damit werde der Sport allmählich auch für Gemeinden oder Betreibende von Sportanlagen interessanter. «Der Schub an Neueinsteiger kommt auch daher, dass wir mehr Parcours vom Genfersee bis ins Engadin haben», sagt der Verbandspräsident. Die Sichtbarkeit von Disc-Golf habe sich so verbessern können. Und damit schmälert sich die Gefahr, dass die Metallkonstrukte als Grill missinterpretiert werden.

Eine Übersicht von Parcours in der Schweiz findet man auf der Website des PDGA.

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